Dieser Ratgeber erklärt Berechnung und Deutung der Kennzahl. Und er stellt sieben Hebel vor, mit denen Sie den Umschlag erhöhen, ohne die Lieferfähigkeit zu gefährden.
1. Was ist die Lagerumschlagshäufigkeit?
Die Lagerumschlagshäufigkeit ist eine Lagerkennzahl. Sie gibt an, wie oft ein Artikel oder das gesamte Lager in einer Periode umgesetzt wird, meist bezogen auf ein Geschäftsjahr. Ein Wert von 6 bedeutet, dass der Jahresverbrauch dem Sechsfachen des durchschnittlichen Lagerbestands entspricht.
Gebräuchliche Bezeichnungen sind auch Lagerumschlag, Umschlagshäufigkeit, Umschlagsgeschwindigkeit und Umschlagskoeffizient, im Englischen inventory turnover. Die Kennzahl lässt sich für jede Lagerart berechnen, für Rohstoffe, Hilfs- und Betriebsstoffe, Halbfertig- und Fertigerzeugnisse ebenso wie für Handelsware.
Lagerbestände binden Kapital und verursachen Kosten für Raum, Zinsen, Versicherung, Verwaltung und Schwund. Deshalb gilt die Umschlagshäufigkeit als wichtige Kennzahl im Bestandsmanagement.
2. Lagerumschlagshäufigkeit: Formel und Berechnung
Für die Berechnung brauchen Sie zwei Größen, den verbrauchs- oder absatzbedingten Lagerabgang einer Periode und den durchschnittlichen Lagerbestand derselben Periode. Je nachdem, ob Sie in Euro oder in Stück rechnen, gibt es zwei Varianten.
Wertmäßige Formel
Welcher Wert in den Zähler gehört, hängt von der Lagerart ab. Bei Handelsware ist es der Wareneinsatz, bei Rohstoffen der Materialverbrauch, jeweils zu Einstandspreisen bewertet. Halb- und Fertigerzeugnisse werden zu Herstellungskosten bewertet, und der Abgang muss dann auf derselben Kostenbasis stehen.
Zähler und Bestand brauchen in jedem Fall dieselbe Bewertungsgrundlage. In den Zähler gehören nur verbrauchs- oder absatzbedingte Abgänge. Umlagerungen, Rücksendungen an Lieferanten und Bestandskorrekturen grenzen Sie ab, sonst wird die Umschlagshäufigkeit überschätzt.
Diese Variante eignet sich für das gesamte Lager oder für Warengruppen, weil sich Artikel mit unterschiedlichen Mengeneinheiten nur über den Wert zusammenfassen lassen.
Mengenmäßige Formel
Die Mengenvariante rechnet mit Stückzahlen. Für einzelne Artikel ist sie die einfachere Sicht, weil keine Bewertung nötig ist.
Durchschnittlichen Lagerbestand ermitteln
Am einfachsten bilden Sie den Mittelwert aus Anfangs- und Endbestand. Bei stärkeren Bestandsschwankungen liefern monatliche Werte ein genaueres Ergebnis.
Auch Monatsendwerte erfassen Schwankungen innerhalb eines Monats nicht. Die Rechnung aus 13 Stichtagen bleibt deshalb eine Näherung, weil Anfangs- und Endwert gleich stark zählen wie die Monatswerte dazwischen. Genauer wird sie, wenn Sie die Werte nach den Zeitabständen zwischen den Messpunkten gewichten.
Am genauesten ist ein Durchschnitt aus täglichen Beständen, sofern Ihr ERP diese Werte liefert. Eine rollierende Betrachtung über zwölf Monate deckt einen vollständigen saisonalen Zyklus ab und kann saisonale Verzerrungen beim Vergleich der Kennzahl verringern.
Warum Umsatz im Zähler den Wert verfälscht
Manche Berechnungen setzen den Umsatz in den Zähler. Der Umsatz ist aber zu Verkaufspreisen bewertet, der Bestand zu Einstands- oder Herstellungskosten. Bei positiver Handelsspanne wird die Umschlagshäufigkeit dadurch überschätzt.
Ein Händler (fiktive Werte) mit 2,4 Mio. € Wareneinsatz, 3,4 Mio. € Umsatz und 400.000 € Durchschnittsbestand käme mit dem Umsatz im Zähler auf 8,5. Mit dem Wareneinsatz sind es 6,0. Bewerten Sie Zähler und Bestand deshalb immer gleich.
3. Rechenbeispiel Schritt für Schritt
Ein Industrieunternehmen hat im Geschäftsjahr einen Materialverbrauch von 2.400.000 €. Der Bestand des Rohstofflagers lag zu Jahresbeginn bei 500.000 € und zum Jahresende bei 300.000 €.
Der Jahresverbrauch entspricht also dem Sechsfachen des durchschnittlichen Bestands. Die rechnerische durchschnittliche Lagerdauer beträgt 60 Tage.
Gleiches Lager, genauere Rechnung
Der Bestand schwankt im Jahresverlauf deutlich. Er steigt bis April auf 640.000 € und sinkt danach bis Dezember auf 300.000 €.
Mit dem Anfangsbestand und den zwölf Monatsendbeständen, alle gleich gewichtet, ergibt sich ein durchschnittlicher Bestand von 474.615 €. Gewichtet man die Stichtage zeitlich und nimmt zwischen den Monatsenden einen linearen Verlauf an, sind es 480.833 €.
Gegenüber den detaillierteren Näherungen überschätzt die einfache Rechnung die Umschlagshäufigkeit in diesem Beispiel um ungefähr einen Umschlag pro Jahr. Der Grund ist, dass die beiden Stichtagswerte den hohen Bestand im Frühjahr nicht erfassen.
4. Rechner für Lagerumschlagshäufigkeit und Lagerdauer
Mit dem Rechner ermitteln Sie Umschlagshäufigkeit und Lagerdauer für Ihr eigenes Lager. Geben Sie den Wareneinsatz oder bewerteten Lagerabgang sowie Anfangs- und Endbestand in Euro ein. Für eine genauere Rechnung ergänzen Sie optional die zwölf Monatsendbestände.
5. Lagerdauer, DIO und Lagerreichweite
Die durchschnittliche Lagerdauer drückt das Verhältnis von durchschnittlichem Lagerbestand zu periodischem Verbrauch in Tagen aus. Sie ist eine rechnerische Kennzahl und keine gemessene Lagerzeit. Die tatsächliche Verweildauer einzelner Artikel kann bei gemischten Sortimenten deutlich davon abweichen.
Bei einer Jahresbetrachtung rechnet ein Teil der Fachliteratur mit 360 Tagen, das Gabler Wirtschaftslexikon im Beispiel mit 365 Tagen. Bei Quartals- oder Monatswerten setzen Sie die Tage dieser Periode ein. Legen Sie eine Konvention fest und behalten Sie diese im Zeitvergleich bei.
In der Finanzanalyse heißt eine verwandte Kennzahl Days Inventory Outstanding (DIO). Sie setzt die durchschnittlichen Vorräte ins Verhältnis zu den Umsatzkosten (Cost of Goods Sold) und multipliziert das Ergebnis mit den Tagen der Periode. Bei identischer Bestandsabgrenzung, Bewertungsgrundlage und Tageszahl entspricht DIO rechnerisch der durchschnittlichen Lagerdauer.
Verwandt ist auch die Lagerreichweite, die oft mit der Lagerdauer gleichgesetzt wird. Die Lagerdauer beruht auf Verbrauch und Durchschnittsbestand einer abgelaufenen Periode. Die Lagerreichweite zeigt, wie lange der aktuelle Bestand ohne neue Zugänge den erwarteten Bedarf voraussichtlich deckt.
6. Was bedeutet eine hohe oder niedrige Lagerumschlagshäufigkeit?
Beide Richtungen haben Vor- und Nachteile. Ziel ist die wirtschaftlich sinnvolle Umschlagshäufigkeit bei angemessener Lieferfähigkeit.
7. Welche Lagerumschlagshäufigkeit ist gut? Richtwerte nach Branche
Einen allgemeingültigen Zielwert gibt es nicht. Welcher Wert passt, hängt von Branche, Sortiment, Wiederbeschaffungszeiten und dem angestrebten Servicegrad ab. Ein Händler mit frischer Ware dreht sein Lager in einem anderen Takt als ein Hersteller, der Ersatzteile mit langen Lieferzeiten vorhält.
Im Netz kursieren Tabellen mit Richtwerten je Branche. Prüfen Sie bei solchen Tabellen, ob Datenbasis und Berechnungsweg genannt sind, etwa ob mit Wareneinsatz oder Umsatz gerechnet wurde. Ohne diese Angaben lassen sich die Werte kaum mit der eigenen Kennzahl vergleichen.
Aussagekräftiger ist der Vergleich mit der eigenen Historie und mit Werten je Artikelklasse, etwa nach einer ABC-XYZ-Analyse. Für den Blick nach außen eignen sich Jahresabschlüsse von Wettbewerbern oder Kennzahlen von Branchenverbänden, jeweils nach derselben Berechnungsmethode.
Sinkt die Kennzahl über mehrere vergleichbare Perioden, steigt der durchschnittliche Bestand im Verhältnis zum Verbrauch. Vergleichen Sie dabei nur gleich lange Zeiträume und berücksichtigen Sie saisonale Effekte.
8. 7 Hebel, um die Lagerumschlagshäufigkeit zu erhöhen
Die folgenden Maßnahmen zielen vor allem darauf ab, den durchschnittlichen Lagerbestand bedarfsgerecht zu senken. Bei gleichem Verbrauch steigt dadurch die Lagerumschlagshäufigkeit. Einzelne Maßnahmen wirken zugleich auf Verbrauch und Lieferfähigkeit.
In einem vereinfachten Bestellmengenmodell mit regelmäßigem Bedarf setzt sich der durchschnittliche Lagerbestand im Wesentlichen aus Sicherheitsbestand und durchschnittlichem Zyklusbestand zusammen.
Periodische Bestandsüberprüfung, chargenbezogene Lieferungen oder saisonale Bevorratung weichen von diesem Modell ab. Die Hebel 2 bis 5 setzen an Sicherheits- und Zyklusbestand an, die Hebel 1 und 6 an Beständen ohne passenden Bedarf. Hebel 7 beschreibt, wie Sie diese Maßnahmen steuern.
1. Langsamdreher und Ladenhüter identifizieren
Berechnen Sie die Umschlagshäufigkeit je Artikel und sortieren Sie die Liste aufsteigend. Prüfen Sie Artikel mit niedrigem Umschlag auf Nachfrage, strategische Bedeutung, Wiederbeschaffungszeit und Lagerkosten.
Ein kritisches Ersatzteil mit langer Lieferzeit darf langsam drehen. Bei Artikeln, die nicht mehr gebraucht werden oder sich nicht rechnen, ist eine Bereinigung des Sortiments sinnvoll. Im Handel heißen solche Auswertungen Renner- und Penner-Listen.
2. Servicegrad je Artikelklasse, Sicherheitsbestand je Artikel festlegen
Sicherheitsbestand ist gebundenes Kapital und sollte deshalb begrenzt und regelmäßig überprüft werden. Ein einheitlicher Puffer für alle Artikel berücksichtigt nicht, wie stark Bedarf und Lieferzeit je Artikel schwanken.
Legen Sie Servicegradziele und Bestandsstrategien je Artikelklasse fest. Den Sicherheitsbestand berechnen Sie dann je Artikel aus dessen Nachfrage- und Lieferzeitunsicherheit, weil zwei Artikel derselben Klasse sehr unterschiedlich schwanken können. Zu knappe Puffer erhöhen das Risiko von Fehlmengen.
3. Bestellmengen und Losgrößen prüfen
Im klassischen Bestellmengenmodell geht die gesamte Bestellmenge auf einmal ein und wird danach gleichmäßig verbraucht. Dann liegt im Mittel die halbe Bestellmenge im Lager.
Große Bestellmengen senken die Zahl der Bestellungen und bringen oft bessere Preise, erhöhen aber den durchschnittlichen Bestand. Prüfen Sie, ob Mindestbestellmengen und Staffelpreise die zusätzliche Kapitalbindung rechtfertigen.
4. Wiederbeschaffungszeiten verkürzen und realistisch pflegen
Lange und schwankende Wiederbeschaffungszeiten erschweren die Bestandsplanung und können höhere Sicherheitsbestände erfordern. Kürzere und zuverlässigere Lieferzeiten, etwa durch Absprachen mit Lieferanten, können die nötige Absicherung verringern und damit den durchschnittlichen Lagerbestand senken.
Genauso wichtig sind korrekte Stammdaten. Weicht die im ERP hinterlegte Lieferzeit von der tatsächlichen ab, entstehen Fehlbestände oder unnötige Puffer.
5. Prognosegenauigkeit verbessern
Präzisere Bedarfsprognosen können die Unsicherheit über die künftige Nachfrage verringern. Sinkt dadurch die Streuung der Prognosefehler über die Wiederbeschaffungszeit, lässt sich der Sicherheitsbestand bei gleichem Servicegrad häufig senken.
Eine bessere durchschnittliche Genauigkeit allein, etwa gemessen am MAPE, reicht dafür nicht aus. Ansatzpunkte zeigt der Beitrag Prognosegenauigkeit verbessern.
6. Überbestände gezielt abbauen
Überbestände aus Fehlplanungen, Sonderkäufen oder auslaufenden Artikeln drücken die Kennzahl über Monate. Abverkauf, Umlagerung an Standorte mit Bedarf oder Rückgabe an den Lieferanten senken den Bestand.
Legen Sie zugleich fest, wie neue Überbestände früh auffallen. Strategien dazu finden Sie unter Überbestände abbauen.
7. Den Umschlag auf Artikelebene steuern
Die Gesamtkennzahl eignet sich für den Bericht an Geschäftsführung und Controlling. Steuern lässt sich der Umschlag auf Artikelebene, weil dort über Bestellmenge, Bestellzeitpunkt und Sicherheitsbestand entschieden wird. Bei mehreren tausend Artikeln kostet diese Steuerung viel Zeit.
Replenishment Decision Intelligence von pacemaker.ai berechnet Bestellvorschläge auf Artikelebene jeden Tag neu und weist über ausnahmebasierte Alerts auf die Artikel hin, die Aufmerksamkeit brauchen. Die Entscheidung über jede Bestellung bleibt bei Ihrem Team. Wie Sie Bestände systematisch optimieren, zeigt unsere Seite zur Bestandsoptimierung.
9. Fehler bei der Berechnung
10. Häufige Fragen zur Lagerumschlagshäufigkeit
11. Bestände auf Artikelebene steuern
12. Quellen
- Gabler Wirtschaftslexikon: Lagerumschlag
- Gabler Wirtschaftslexikon: Umschlagshäufigkeit
- Gabler Wirtschaftslexikon: Umschlagsdauer
- Gabler Wirtschaftslexikon: Umschlagskennzahlen
- Westermann: Lagerkennziffern, Lehrbuchauszug (ISBN 978-3-8045-4260-0, S. 416–421)
- Controlling-Portal: Lagerumschlagshäufigkeit
- § 253 HGB: Zugangs- und Folgebewertung
- Wikipedia: Lagerumschlagshäufigkeit
- Wikipedia: Reichweite (Logistik)
